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  Wenn die fremde Frau kommt
  Illustration: Rita Lüder

 

 

Menschliche Zuwendung im Rahmen häuslicher Pflege

***

Heitere und besinnliche Geschichten 
mit anekdotenhaft- eigentümlichem Charme

***

 

 Leseprobe


Renate Beermann wurde 1944 in Neustadt a. Rbge geboren. Bei ihren Tätigkeiten als Kauffrau, im Spielkreis, Altenheim und bei der Diakonie hatte sie immer Kontakt zu den Mitmenschen. Von einigen dieser Erlebnisse berichtet dieses Buch.

Schardt Verlag Oldenburg
ISBN 3-933584-33-7
Preis: 14,95 EUR
oder in unserem E-Shop


Kommentar hallo Sonntag:
...Das Buch ist kein Roman, aber genauso spannend....Es gibt aber nicht nur solche nachdenklich stimmenden Geschichten in "Wenn die fremde Frau kommt", sondern auch solche, die zum Schmunzeln anregen oder einfach zu Herzen gehen. Oft mag der Leser denken, den einen oder anderen Betroffenen zu kennen oder zumindest ähnliches erlebt zu haben, so sehr sind die Storys aus dem Leben gegriffen....

Kommentar Leine Zeitung:
...In einer heiteren, charmanten Sprache hat Renate Beermann 17 Geschichten und Anekdoten verfaßt. Zwischen den Zeilen vermittelt die 55jährige den Lesern den ernsten Hintergrund ihrer Erlebnisse.

Hier können Sie nach Ihren persönlichen Wünschen von Renate Beermann signierte Bücher versandkostenfrei bestellen.

Haben Sie Interesse an einer Lesung?
Termine mit Frau Beermann nach Absprache, kein Honorar, evtl. Reisekostenbeteiligung je nach Entfernung. Lesungen können per Zeitungsinserat angekündigt werden.
Weitere Informationen Tel.: 05032/2381


  LESEPROBE
Die Lebensbeichte (Seite 104)
... Seine Blicke suchten dabei immer wieder meine Augen. Offensichtlich erwartete er aber nicht von mir, daß ich zu seinen Worten etwas sagte. Nein, belanglose Dinge waren das nicht, die ich da zu hören bekam. Erstaunliche Begebenheiten aus seinem Leben. Ja, sogar recht fragwürdige Sachen, etwas, das man eigentlich niemandem mitteilte. Ich begann mich unwohl zu fühlen, denn ich wußte wirklich nicht, was ich dazu sagen sollte. Recht bald merkte ich jedoch, daß es nicht nötig war, viel oder überhaupt etwas dazu zu sagen. Herr Strobel erzählte weiter und weiter. Bis er nach einer Weile so schwach geworden war, daß er nicht mehr sitzen konnte, und dann ließ er sich doch von mir zu Bett bringen.
Ich fürchtete nun, daß es ihm leid tat, sich einer fremden Person derart zu offenbaren. Aber er bat darum, mich doch noch etwas zu ihm zu setzen. Gleich darauf erzählte er weiter, obwohl man ihm die Anstrengung deutlich ansah und seine Stimme schon fast versagte. Ich war froh, als er endlich eingeschlafen war.
Was sollte ich davon nur halten? Es war mir wegen seiner grenzenlosen Offenheit fast peinlich, am nächsten Tag wieder zu ihm hinzugehen, doch er erwartete mich schon, sichtlich erfreut. Mit spürbarem Appetit aß er seine Suppe. Gleich danach begann er erneut zu erzählen. Und wieder öffnete er vor mir die tiefsten Nischen seiner inneren Dunkelkammer. Ich hätte ihn gern davon abgehalten, doch meine Versuche, ihn in ein alltägliches Gespräch zu verwickeln, wehrte er ab. Ja, er bat mich sogar, mir dieses oder jenes Erlebnis auch noch berichten zu dürfen. Begebenheiten aus dem Krieg und der Gefangenschaft, Schwierigkeiten mit den Kindern und dem Partner...

Das Schloß am Gasherd (Seite 90)
... Auf einmal begann ihr Mund zu sprechen. "Ich bin schon ganz lange hier im Bett", sagte sie. Ich will immer hier drinbleiben, das Leben ist so schwer, und nur hier ist es warm und weich."
"Aber sie können doch nicht nur im Bett bleiben", sagte ich, "ich will Ihnen doch beim Aufstehen helfen", und ich machte eine Bewegung, um ihre Bettdecke zu fassen. Doch Frau Pieters ergriff die Decke blitzschnell und zog sie zu sich hoch, bis unter das Kinn. "Nein", sagte sie, "ich bleibe hier im Bett, nur hier ist es warm und weich. Ich stehe nicht auf!"
"Wie lange liegen Sie schon im Bett?" fragte ich und schaute dabei weiter in ihre Augen. "Lange", sagte sie, "ganz lange, das Leben ist so hart, und alles ist so kalt! Und dann sind meine Eltern gestorben, und dann bin ich ins Bett gegangen." "Wie lange sind Ihre Eltern denn schon tot?" fragte ich. Sie lächelte plötzlich selig: "Meine Eltern sind nicht tot, sie sind hier im Bett bei mir, sie sind alle bei mir, meine Geschwister und Hermann auch, Hermann ist auch bei mir."
"Wer ist Hermann?" fragte ich, doch sie lächelte nur selig und überhörte meine Frage. "Hermann ist hier, bei mir. Ich will nicht aufstehen, hier ist alles warm und weich." Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte, und ich erhob mich: "Frau Pieters, ich wärme jetzt Ihr Mittagessen auf. Ich gehe in die Küche und wärme Ihnen dort das Essen auf." Sie schaute mich wortlos an. Ich ging, schloß den Herd auf...

Buttermilchsangeballerse (Seite 57)
... Doch kaum waren wir dort angekommen, ließ er plötzlich fassungslos die Zweige fallen und stammelte: "Das kann doch nicht wahr sein. Das darf einfach nicht wahr sein." Ich schaute ihn verwundert an. Mir fiel nichts weiter auf. Das Grab sah aus wie immer, nur an der linken Seite, direkt daneben, war ein neues hinzugekommen, das noch mit vielen frischen Kränzen geschmückt war.
"Das kann nicht wahr sein", schimpfte Herr Wagener weiter, "wie soll ich damit nur fertig werden. Der Briefträger liegt genau neben meiner Frau. Im Leben haben sie es nicht geschafft, zusammenzukommen, aber jetzt im Tod, da sind sie vereint."
Tränen liefen ihm über die eingefallenen Wangen. Ich streichelte seinen Arm. Worte konnte ich hier nicht finden, und er tat mir in diesem Moment unsagbar leid.
Während ich die Tannen auflegte, stand Herr Wagener stumm da. Und stumm trotteten wir zum Auto. Zu Hause lud er mich zu einer Tasse Kaffee ein. Er ließ es sich nicht nehmen, sie selbst aufzubrühen. "Was habe ich nur falsch gemacht?" polterte es aus ihm heraus. "Alles, alles habe ich für meine Frau getan, ich habe sie so sehr geliebt. Und ich habe mir doch immer solche Mühe gegeben, aber ich habe ihr nie genügt. Mit mir allein wollte sie nie Urlaub machen, immer nur bei den Kindern oder bei anderen Leuten, wo wir nie ohne Gesellschaft waren. Ich glaube, sie hat immer nur diesen Briefträger im Kopf gehabt." Bslang hatte er sich redlich bemüht, von seiner Ehe und seiner verstorbenen Frau nur Gutes zu berichten, doch heute legte er seine Maske ab ...

Die Königin der Nacht (Seite 40)
... Doch sie war da anderer Meinung. "Sicher läuft sie nicht mehr so, als wenn ich sie eingestellt hätte", brummelte sie. Sie ging zielstrebig ans Werk. Sie, die sich im Haushalt nie beteiligt hatte, füllte eigenhändig die Trommel und stellte das Waschprogramm ein. Dann setzte sie sich auf einen kleinen Hocker und schaute unentwegt auf das rotierende Bild hinter dem Glasfenster.
Welch groteskes Bild: der kleine Hocker, die massige Frau mit ihrem stierenden Blick.
Mir kam der Gedanke, daß sie sich freuen würde, wenn sie einen Grund erhielte, mit mir Streit anzufangen. Vielleicht hätte sie gern einen neuen Sündenbock?
"Frau Goldenberg", rief ich etwas später, "das Essen ist fertig, Sie können kommen." Sie schaute mich entrüstet an: "Aber Sie sehen doch, daß ich hier zu tun habe. Ich kann doch hier nicht weg." "Nun", sagte ich, "Sie müssen beurteilen, ob Sie kommen können. Aber Sie müssen wissen, daß die Kartoffeln gar sind, und sie bekommen sie dann nicht aus dem Topf auf den Teller."
Behäbig stand sie auf, nahm beide Arme, stemmte sie in die Hüften und wetterte mächtig los: "Wenn Sie hier schon für mich kochen, die Kartoffeln gehören aus dem Topf auf den Teller. Ich lasse mir nicht alles gefallen. Sie können hier nicht machen, was Sie wollen." Ihre Stimme dröhnte laut und heftig...

Sonntagsdienst (Seite 13)
... denn erst, als ich begann, ihn zu kneifen und zu schütteln, machte er zaghaft ein Auge so gerade mal halb auf und blinzelte mich an. Seine Worte aber verschlugen mir fast die Sprache. Sie kamen deutlich und klar, ich hatte mich bestimmt nicht verhört: "Sag mal, Mädchen, du bist doch auch nur hier, weil deine Mutter froh ist, wenn sie dich mal los ist."
Es lag jedoch ein leises Lächeln in seinem Blick, und er ließ sich mühelos waschen und anziehen. Als dies endlich geschafft war und Herr Trollner vor einer dampfenden Tasse Kaffee saß, wollte ich mich verabschieden und sagte ihm, daß ich zum Mittagessen wieder da bin. Doch er hielt mich mit einer Frage zurück: "Sag mal, Mädchen, hundert Jahre, findest du, daß das alt ist?" Ich wunderte mich: "Ja, hundert Jahre, das finde ich schon recht alt. Ja, ja, aber Sie können noch nicht so alt sein. Sie sehen gar nicht danach aus."
"Nun", sagte er nachdenklich, und das mit einem todernsten Gesicht, "ich habe die vielen Jahre auch nicht allein gemacht. Meine Schwiegertochter hat mir dabei geholfen. Sie hat ein paar Jahre auf meinen Namen geschrieben und nun sind die Hundert voll."
Wurde ich total verulkt, oder war der alte Herr wirklich so durcheinander in seinem Denken? Ich versuchte, das zu klären und lenkte erst einmal vom Thema ab: "Ich finde es sehr schön, daß Sie hier bei Ihrem Sohn wohnen." "Ja", sagte er und stierte in die Tasse. "Ich wohne hier bei meinem Sohn, bei dem, der älter ist als ich. Ich habe noch einen, aber der lebt weit weg." ...

Eine schlimme Handbewegung (Seite 31)
... Als ich wiederkam, schaute er mich ernst an. "Wissen Sie eigentlich, Frau Beermann, wieviel unwertes Leben es in den Nervenkliniken in Deutschland gibt? Sie können es sich nicht vorstellen. Da hilft nur eines, sie alle zu vergasen. Diese Kreaturen kosten den Staat nur eine Menge Geld. "So" muß man es machen. Und seine rechte Hand fuhr einmal mehr eindeutig an seinem Hals vorbei.
Hilflos erstarrt stand ich da. Nur zu gut kannte ich ein solches Haus.
Das hätte er nicht sagen dürfen! Ich bekam eine maßlose Wut, auf ihn, auf mich. Warum schrie ich ihn nicht an? Warum wärmte ich ihm seine Suppe auf? Warum sagte ich ihm nicht, daß ich mich persönlich betroffen fühlte?
Einige Tage später ging es ihm gar nicht gut. Er bekam nur schwer Luft. Sein Gang war sehr unsicher. "Ich glaube, ich muß mal zum Arzt gehen", murmelte er. Ich zeigte ihm diesmal kein Mitgefühl. "Was haben wir doch für ein schönes Deutschland", sagte ich. "Jeder kann voll Vertrauen zum Arzt gehen, ganz gleich, welche Krankheit er hat und ganz egal, wieviel es kostet. Ich glaube, daß war nicht immer so!"
Er verstand mich sofort. Sein Gesicht wurde plötzlich aschgrau. Seine Backenknochen schienen noch stärker hervorzutreten. Rote Flecken bildeten sich auf seinen Wangen, und er stammelte: "Sie haben Recht, Sie haben ganz Recht, wir haben jetzt ein wirklich ganz wunderbares Deutschland... aber bitte, können wir es dabei belassen?"...

***

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