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LESEPROBE |
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Die Lebensbeichte (Seite 104)
... Seine Blicke suchten dabei immer wieder meine Augen. Offensichtlich
erwartete er aber nicht von mir, daß ich zu seinen Worten etwas sagte.
Nein, belanglose Dinge waren das nicht, die ich da zu hören bekam.
Erstaunliche Begebenheiten aus seinem Leben. Ja, sogar recht fragwürdige
Sachen, etwas, das man eigentlich niemandem mitteilte. Ich begann mich
unwohl zu fühlen, denn ich wußte wirklich nicht, was ich dazu sagen
sollte. Recht bald merkte ich jedoch, daß es nicht nötig war, viel oder
überhaupt etwas dazu zu sagen. Herr Strobel erzählte weiter und weiter.
Bis er nach einer Weile so schwach geworden war, daß er nicht mehr sitzen
konnte, und dann ließ er sich doch von mir zu Bett bringen.
Ich fürchtete nun, daß es ihm leid tat, sich einer fremden Person derart
zu offenbaren. Aber er bat darum, mich doch noch etwas zu ihm zu setzen.
Gleich darauf erzählte er weiter, obwohl man ihm die Anstrengung deutlich
ansah und seine Stimme schon fast versagte. Ich war froh, als er endlich
eingeschlafen war.
Was sollte ich davon nur halten? Es war mir wegen seiner grenzenlosen
Offenheit fast peinlich, am nächsten Tag wieder zu ihm hinzugehen, doch
er erwartete mich schon, sichtlich erfreut. Mit spürbarem Appetit aß er
seine Suppe. Gleich danach begann er erneut zu erzählen. Und wieder
öffnete er vor mir die tiefsten Nischen seiner inneren Dunkelkammer. Ich
hätte ihn gern davon abgehalten, doch meine Versuche, ihn in ein
alltägliches Gespräch zu verwickeln, wehrte er ab. Ja, er bat mich
sogar, mir dieses oder jenes Erlebnis auch noch berichten zu dürfen.
Begebenheiten aus dem Krieg und der Gefangenschaft, Schwierigkeiten mit
den Kindern und dem Partner... |
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Das Schloß am Gasherd (Seite
90)
... Auf einmal begann ihr Mund zu sprechen. "Ich bin schon ganz lange
hier im Bett", sagte sie. Ich will immer hier drinbleiben, das Leben
ist so schwer, und nur hier ist es warm und weich."
"Aber sie können doch nicht nur im Bett bleiben", sagte ich,
"ich will Ihnen doch beim Aufstehen helfen", und ich machte eine
Bewegung, um ihre Bettdecke zu fassen. Doch Frau Pieters ergriff die Decke
blitzschnell und zog sie zu sich hoch, bis unter das Kinn.
"Nein", sagte sie, "ich bleibe hier im Bett, nur hier ist
es warm und weich. Ich stehe nicht auf!"
"Wie lange liegen Sie schon im Bett?" fragte ich und schaute
dabei weiter in ihre Augen. "Lange", sagte sie, "ganz
lange, das Leben ist so hart, und alles ist so kalt! Und dann sind meine
Eltern gestorben, und dann bin ich ins Bett gegangen." "Wie
lange sind Ihre Eltern denn schon tot?" fragte ich. Sie lächelte
plötzlich selig: "Meine Eltern sind nicht tot, sie sind hier im Bett
bei mir, sie sind alle bei mir, meine Geschwister und Hermann auch,
Hermann ist auch bei mir."
"Wer ist Hermann?" fragte ich, doch sie lächelte nur selig und
überhörte meine Frage. "Hermann ist hier, bei mir. Ich will nicht
aufstehen, hier ist alles warm und weich." Ich wußte nicht, was ich
dazu sagen sollte, und ich erhob mich: "Frau Pieters, ich wärme
jetzt Ihr Mittagessen auf. Ich gehe in die Küche und wärme Ihnen dort
das Essen auf." Sie schaute mich wortlos an. Ich ging, schloß den
Herd auf... |
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Buttermilchsangeballerse (Seite 57)
... Doch kaum waren wir dort angekommen, ließ er plötzlich fassungslos
die Zweige fallen und stammelte: "Das kann doch nicht wahr sein. Das
darf einfach nicht wahr sein." Ich schaute ihn verwundert an. Mir
fiel nichts weiter auf. Das Grab sah aus wie immer, nur an der linken
Seite, direkt daneben, war ein neues hinzugekommen, das noch mit vielen
frischen Kränzen geschmückt war.
"Das kann nicht wahr sein", schimpfte Herr Wagener weiter,
"wie soll ich damit nur fertig werden. Der Briefträger liegt genau
neben meiner Frau. Im Leben haben sie es nicht geschafft,
zusammenzukommen, aber jetzt im Tod, da sind sie vereint."
Tränen liefen ihm über die eingefallenen Wangen. Ich streichelte seinen
Arm. Worte konnte ich hier nicht finden, und er tat mir in diesem Moment
unsagbar leid.
Während ich die Tannen auflegte, stand Herr Wagener stumm da. Und stumm
trotteten wir zum Auto. Zu Hause lud er mich zu einer Tasse Kaffee ein. Er
ließ es sich nicht nehmen, sie selbst aufzubrühen. "Was habe ich
nur falsch gemacht?" polterte es aus ihm heraus. "Alles, alles
habe ich für meine Frau getan, ich habe sie so sehr geliebt. Und ich habe
mir doch immer solche Mühe gegeben, aber ich habe ihr nie genügt. Mit
mir allein wollte sie nie Urlaub machen, immer nur bei den Kindern oder
bei anderen Leuten, wo wir nie ohne Gesellschaft waren. Ich glaube, sie
hat immer nur diesen Briefträger im Kopf gehabt." Bslang hatte er
sich redlich bemüht, von seiner Ehe und seiner verstorbenen Frau nur
Gutes zu berichten, doch heute legte er seine Maske ab ... |
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Die Königin der Nacht (Seite
40)
... Doch sie war da anderer Meinung. "Sicher läuft sie nicht mehr
so, als wenn ich sie eingestellt hätte", brummelte sie. Sie ging
zielstrebig ans Werk. Sie, die sich im Haushalt nie beteiligt hatte,
füllte eigenhändig die Trommel und stellte das Waschprogramm ein. Dann
setzte sie sich auf einen kleinen Hocker und schaute unentwegt auf das
rotierende Bild hinter dem Glasfenster.
Welch groteskes Bild: der kleine Hocker, die massige Frau mit ihrem
stierenden Blick.
Mir kam der Gedanke, daß sie sich freuen würde, wenn sie einen Grund
erhielte, mit mir Streit anzufangen. Vielleicht hätte sie gern einen
neuen Sündenbock?
"Frau Goldenberg", rief ich etwas später, "das Essen ist
fertig, Sie können kommen." Sie schaute mich entrüstet an:
"Aber Sie sehen doch, daß ich hier zu tun habe. Ich kann doch hier
nicht weg." "Nun", sagte ich, "Sie müssen beurteilen,
ob Sie kommen können. Aber Sie müssen wissen, daß die Kartoffeln gar
sind, und sie bekommen sie dann nicht aus dem Topf auf den Teller."
Behäbig stand sie auf, nahm beide Arme, stemmte sie in die Hüften und
wetterte mächtig los: "Wenn Sie hier schon für mich kochen, die
Kartoffeln gehören aus dem Topf auf den Teller. Ich lasse mir nicht alles
gefallen. Sie können hier nicht machen, was Sie wollen." Ihre Stimme
dröhnte laut und heftig... |
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Sonntagsdienst (Seite 13)
... denn erst, als ich begann, ihn zu kneifen und zu schütteln, machte er
zaghaft ein Auge so gerade mal halb auf und blinzelte mich an. Seine Worte
aber verschlugen mir fast die Sprache. Sie kamen deutlich und klar, ich
hatte mich bestimmt nicht verhört: "Sag mal, Mädchen, du bist doch
auch nur hier, weil deine Mutter froh ist, wenn sie dich mal los
ist."
Es lag jedoch ein leises Lächeln in seinem Blick, und er ließ sich
mühelos waschen und anziehen. Als dies endlich geschafft war und Herr
Trollner vor einer dampfenden Tasse Kaffee saß, wollte ich mich
verabschieden und sagte ihm, daß ich zum Mittagessen wieder da bin. Doch
er hielt mich mit einer Frage zurück: "Sag mal, Mädchen, hundert
Jahre, findest du, daß das alt ist?" Ich wunderte mich: "Ja,
hundert Jahre, das finde ich schon recht alt. Ja, ja, aber Sie können
noch nicht so alt sein. Sie sehen gar nicht danach aus."
"Nun", sagte er nachdenklich, und das mit einem todernsten
Gesicht, "ich habe die vielen Jahre auch nicht allein gemacht. Meine
Schwiegertochter hat mir dabei geholfen. Sie hat ein paar Jahre auf meinen
Namen geschrieben und nun sind die Hundert voll."
Wurde ich total verulkt, oder war der alte Herr wirklich so durcheinander
in seinem Denken? Ich versuchte, das zu klären und lenkte erst einmal vom
Thema ab: "Ich finde es sehr schön, daß Sie hier bei Ihrem Sohn
wohnen." "Ja", sagte er und stierte in die Tasse. "Ich
wohne hier bei meinem Sohn, bei dem, der älter ist als ich. Ich habe noch
einen, aber der lebt weit weg." ... |
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Eine schlimme Handbewegung (Seite 31)
... Als ich wiederkam, schaute er mich ernst an. "Wissen Sie
eigentlich, Frau Beermann, wieviel unwertes Leben es in den Nervenkliniken
in Deutschland gibt? Sie können es sich nicht vorstellen. Da hilft nur
eines, sie alle zu vergasen. Diese Kreaturen kosten den Staat nur eine
Menge Geld. "So" muß man es machen. Und seine rechte Hand fuhr
einmal mehr eindeutig an seinem Hals vorbei.
Hilflos erstarrt stand ich da. Nur zu gut kannte ich ein solches Haus.
Das hätte er nicht sagen dürfen! Ich bekam eine maßlose Wut, auf ihn,
auf mich. Warum schrie ich ihn nicht an? Warum wärmte ich ihm seine Suppe
auf? Warum sagte ich ihm nicht, daß ich mich persönlich betroffen
fühlte?
Einige Tage später ging es ihm gar nicht gut. Er bekam nur schwer Luft.
Sein Gang war sehr unsicher. "Ich glaube, ich muß mal zum Arzt
gehen", murmelte er. Ich zeigte ihm diesmal kein Mitgefühl.
"Was haben wir doch für ein schönes Deutschland", sagte ich.
"Jeder kann voll Vertrauen zum Arzt gehen, ganz gleich, welche
Krankheit er hat und ganz egal, wieviel es kostet. Ich glaube, daß war
nicht immer so!"
Er verstand mich sofort. Sein Gesicht wurde plötzlich aschgrau. Seine
Backenknochen schienen noch stärker hervorzutreten. Rote Flecken bildeten
sich auf seinen Wangen, und er stammelte: "Sie haben Recht, Sie haben
ganz Recht, wir haben jetzt ein wirklich ganz wunderbares Deutschland...
aber bitte, können wir es dabei belassen?"... |
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